Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VOLLMOND AUF BESTELLUNG

Kritik am Mondschein der Ansichtspostkarten im 'Kunstwart'

(Di e Mondschein - Ansichtspostkarten) verspottet in seinem jüngsten Hefte der „ Kunstwart " wie folgt: „ Ganz Deutschland reist neuerdings zumeist bei Mondschein. Glaubst du ' s nicht, Leser? Dann antworte mir, bitte: Wozu verschickt man Ansichtspostkarten? Um zu zeigen, wie die Welt aussah, als man sie gesehen hat, nicht wahr? Gut, so sieh dir die Ansichtsrostkarten an: die meisten sind blau, und aus allen, die blau sind, scheint der Mond, also muss man doch wohl zumeist bei Vollmond reisen. Bei Vollmond, denn der Ansichtspostkartenmond ist immer und überall ein Vollmond. Ein merkwürdiger allerdings, nämlich einer, der bald im Süden steht, bald im Westen, Osten oder Norden, nämlich ein mit irgendwelchen geheimen Naturkräften von der Erde aus transportabler Vollmond, der sich nach des Herrn Photographen Wunsch immer recht freundlich in die Mitte vom Bilde stellt. Dass die Schatten auch mitliefen, wäre freilich zu viel verlangt, diese Mondscheinschalten stellen sich vielmehr eigensinnig immer gerade so, wie die Sonnenlichtschatten, und nun fallen sie allerdings dem Ansichtspostkartenvollmond gelegentlich beinahe auf die Nase. Aber das thut nichts, wenn nur die Poesie gewahrt wird. Denn Ansichtspostkarten mit Vollmond, musst du bedenken, sind so poetisch.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 28. September 1898, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6340-kritik-am-mondschein-der-ansichtspostkarten-im-kunstwart-1898).

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