Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NAMENSSCHWESTERN IM STADTKRIMI

Umbenennung der Stift- und Kirchgasse in Willen und St. Nikolaus im historischen Kontext

St. Nikolaus). Eine Stift und ebenso eine Kirchgasse muß notwendig anders getauft werden. Bei welcher dies geschehen soll rmd was für Namen neu gegeben werden sollen, darüber dürfte im Gemeinderate ersahrunasge nräß nicht im Handumdrehen eine Entscheidung fallen. Der Schreiber dieser Zeilen möchte zur schnelleren Erledigung der berühr. en Angelegen heit — freilich als ganz „ Unmaßgeblicher " — folgendes in Kürze darlegen: Die Stift und Kirchgasse in Willen sind, wenn auch nicht dem Namen nach, so doch hinsichtlich der Zeit ihrer Anlegung mindestens um Jahrhunderte älter als die Stiftgasse in der Altstadt und die Kirchgasse in St. Nikolaus. Noch weit mehr gilt dies von den Gebäuden, nach welchen erstere zwei Gassen in Willen benannt sind. Das Chor Herreustift Wilten besteht um wenigstens 600 Jahre länger als das Damenstift am Burggraben, und eine Pfarrkirche irr Wilten ist an ihrer jetzigen Stelle auch Jahrhunderte früher nachweisbar als eine Kirche in St. Nikolaus am gegenwärtigen Orte. Außer diesem sehr erwägenswerten Umstande gibr es für die Beibehaltung der erwähnten Gassennamen in Willen auch noch den andern, daß hier eine Passende Änderung Wohl nicht so leicht vorgeschlagen werden kann, wie bei den gleichnamigen Gassen in Alt - Innsbruck. Zieht man die Kosten der Gassentüfeläuderung irr Wilten und Alt - Innsbruck in Betracht, so er scheint gegenwärtig in beiden Orten die Auslage für den Stadtsäckel fast gleich groß. Die Stift gasse in Wilten hat jetzt nur um eine einzige Hausnummer, und die Kirchgasse dort bloß um zwei Hausnummern weniger als ihre Namensschwestern im alten Stadtgebiete. Tie Stistgasse in Alt - Innsbruck hieß bis tief ins 19. Jahrhundert herein, trotzdem das Tamenftist schon im Jahre 1771 erbaut wurde, stets und zwar sogar offiziell nur „ Stallgasse ". Diesen Namen besaß sie schon im Jahre 1599. Er rührte davon her, weil sich westlich vom Raggl ' schen Hanse ( Nr. 19, jetzt der Stadt gehörend) die Hofstallung befand. Als neue Namen dafür möchten wir ( wenn man nicht eine Damenstiftsgasse wählt) folgende zur Auswahl Vorschlägen: Ta das Raggl ' sthe Haus ein uralter Edelsitz ist und als solcher Jahrhunderte lang den Namen Schlandersbergereck trug, da ferner nach den Herren von Schlaudersberg die Herren von Frenndsberg von 1422 — 1588, darunter als letzter Besitzer der gleichnamige Enkel des berühmter! Landsknecht führers Georg von Freundsberg, als Inhaber bekannt sind, könnte man die Gasse wohl Schla ndersbergeroder Freundsberger gasse heißen. Von 1588 — 1608 besaß das genannte Haus ein um die österreichische Geschichtsforschung sehr verdienter Mann, nämlich Konrad Metz von Weydenberg, Hofsekretär des Erzherzogs Ferdinand II., früher lateinischer Schulmeister irr Feldkirch. ( Vgl. die Geschichte des Raggl ' schen Hauses in Jg. 1901, Nr. 94 der N. T. Stimmen und Hirn, Erzherzog Ferdinand II. 1. V. S. 346 — 349). Konrad Metz vervollständigte die nur handschriftlich Hinterlasseilen österreichischen Annalen des Ambraser Bibliothekars Gerard van Roo und gab sie in lateinischer und deutscher Sprache heraus. Tie lateinische Ausgabe dieses in Historikerkreisen sehr geschätzten Werkes erschien im Jahre 1592 bei Agricola (Baur) in Innsbruck ( jetzt Wagner ' sche Bu ' chdrnckerei), die deutsche 1621 in Augsburg. Beide behandeln die österreichische Geschichte von Rudolf von Habsburg bis zum Tode des Kaisers Max I. Die Stistgasse könnte wohl auch Dietzgasse geheißen werden in Rücksicht darauf, daß der genannte Geschichtsforscher 20 Jahre lang in derselben den Edelsitz Schlandersbergereck besaß und weil das 5) aus schon sehr baufällig war, wie er in der Verkaussurlünde selbst sagt „ auf eigene Unkosten erbaut ", d. h. irr besseren, wahrscheinlich in den jetzigen Stand gesetzt hat. Me Kirchgasse in St. Nikolaus würde wohl in ihrer gegenwärtigen hübscheren Anlage zur dankbaren Erinnerung an den Dombaumeister Friedrich von Schmidt, den großmütigen Verfertiger des Planes zur stattlichen neuen St. Nikolauskirche sehr passend den Namen Friedrich S ch m idtstraße oder einfach Schmidtstraße tragen dürfen. Wegen ihrer starken Steigung könnte mau sie vielleicht auch „ Hohe Straße " oder „Hohe Gasse " nennen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. Februar 1904, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7407-umbenennung-der-stift-und-kirchgasse-in-willen-und-st-nikolaus-im-1904).

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