Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON 60 AUF 30 – UND DANN KEINE MÄDCHEN MEHR

Eröffnung der vierten Klasse am Innsbrucker Mädchen-Realgymnasium

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 5. Juli 1913 · Seite 18
Seite 17. Das Innsbrucker städt. Mädchen- Realgymnasium. Won Professor Anton MalfertHeiner. Am hiesigen Mädchen - Nealgymnasium wird im kommenden Schaltjahre die 4. Gymnasialklasse eröffnet werden und d amit verschwindet der letzte Rest der „ Höheren Töchterschule ". Ans. diesem Anlasse sei mir gestattet, die Geschichte der jungen Lehranstalt in knappen Strichen zu zeichnen sowie ihren Wert {; ür die höhere Mädchenbildung kurz zu beleuchten. Im Zähre 1910 wurde die 1. Gymnasialklasse eröffnet. Der Andrang war ein enormer: bei 60 Schülerinnen begehrten Einlast; darunter befand sich eine große Zahl hochbegabter Mädchen. Der verdienstvolle Direktor I. Puntaier stellte sich selbst ins Vordertresfen, indem er Latein und Deutsch in der Klasse übernahm. Das Unterrichtsergebnis war geradezu glänzend; mehr als die Hälfte der Schülerinnen erhielten Varzugsklassen. Aber bereits der folgende Jahrgang, ine Prima von 1911/12 wies einen bedeutend schwächeren Besuch auf. Die Zahl der eingeschriebenen Mädchen erreichte kaum die Hälfte des vorigen Jahrganges. Ungefähr dieselbe Schülerzahl ' hatte der Jahrgang von 1912/13, die heurige Prima. Worin liegt nun der Grund dieser auffallenden Ebbe nach der Hochflut von 1910/11? Hierüber Lassen sich nur Vermutungen anstellen. Sache der beteiligten Kreise aber wird es sein, alles auszubieten, damit die Lehranstalt ihre ehemalige Anziehungskraft auf die Bevölkerung wieder gewinne. Sowie nun der einzelne Mensch das Produkt der umgebenden Verhältnisse und der individuellen Anlage ist, so sind auch bei jedem Unternehmen zwei Faktoren maßgebend die äußeren Verhältnisse und der innere Wert des Unternehmens. Die äußeren Verhältnisse sind gegeben; sie zu beeinflussen, steht nicht in unserer Macht. Dagegen kann der innere Wert gesteigert werden, indem uir die Unternehmung mit allem, was Menschengeist ersonnen, nach Kräften auszusLatten suchen. Die erste und wichtigste Bedingung des Gedeihens einer Lehranstalt bleibt nun immer, daß die inneren Verhältnisse konsolidiert sind. Dazu gehört vor allem ein erfahrener und stabiler Lehrkörper. Während bezüglich, aller anderen Lehrfächer diese Forderung erfüllt erscheint, entbehrt der Lateinunrerricht derzeit einer derartigen Fürsorge. Dieser wird im heurigen Schuljahre, vom Direktor abgesehen, ausschließliche von Supplenten erteilt. Und doch sollte man glauben, daß gerade für das Latein, welches der Anstalt ihr charakteristisches Gepräge verleiht, die besten und erfahrensten Lehrer eben gut genug wären.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. Juli 1913, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9366-eroeffnung-der-vierten-klasse-am-innsbrucker-maedchen-realgymnasium-1913).

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